Fremdschämen im Fernsehen

Der Begriff „Fremdschämen“ klingt, wenn man ihn etwas genauer studiert, doch sehr eigenartig. Er umschreibt allerdings sehr treffend genau das, was mir, wenn der Fernseher mal eingeschaltet wird, sehr schnell begegnet: Situationen, die ich persönlich als derart peinlich empfinde, das ich umschalten oder den Raum verlassen muss.

Man denke an

* einen niveaulosen Sketch unter der Gürtellinie (vgl. zahlreiche „Comedy“-Formate privater Sender).
* Elton vs. Simon
* nachmittägliche Talkshows
* eine Talentfindungsshow, in der zahlreiche Gehörgangquäler von Ihrer Kompetenz derart überzeugt sind, dass Sie bereit sind, im Fernsehen zu singen. Das pubertierende Mädel meint, sie singe wie die junge Whitney Houston oder die ganz junge Mariah Carey, klingt tatsächlich aber so, als würde das kaputte Auge von Karl Dall singen können. An dieser Stelle würde ich dem Kandidaten Respekt zollen, wenn er / sie sich ohne mit der Wimper zu zucken, eine verbale Tracht Prügel von D! abholt. Aber weit gefehlt: es wird geheult, geflennt, gejammert und gezetert, denn dieser Gesangsvortrag peinliche Auftritt war doch geplant als das Erklimmen der ersten Stufe auf in den ganz großen Sangeshimmel. Ist es Mut oder ist es grenzenloser Realitätsverlust einhergehend mit zwei Zentnern Selbstüberschätzung? Was auch immer es für den Kandidaten ist, für mich ist es „Fremdschämen“. Ich kann mir so etwas nicht angucken!
* eine Pseudo-Wissens-Doku-Recherchesendung (vgl. z.B. Galileo Mystery), die zwei Stunden dauert, jedoch nur Information für vier und Bildmaterial für drei Minuten hat. Mit dynamischen Kameraschwenks und immer wieder den gleichen eingespielten Videosequenzen wird von der Inhalt- und Belanglosigkeit abgelenkt. Manchmal ist es sogar derart furchtbar, dass selbst die wunderbare Stimme von Franziska Pigulla nichts mehr retten kann.
* ein Interview eines Sportreporters mit einem sprachlich nicht allzu kompetenten Fußballer (Töpperwien / Podolski o.ä.).
* ein Gespräch, welches Thomas Gottschalk mit einem „Ich-kann-nur-ganz-kurz-auf-der-Bank-Platz-nehmen“-Star bei Wetten dass führt, weil dieser schnell seinen Kinofilm promoten will.

Dass die o.g. Konzepte mit Quote einhergehen, stimmt ohne jeden Zweifel. Ich bin aber genauso ohne jeden Zweifel nicht die Zielgruppe und das ist gut so. Außerdem gibt es schließlich zahlreiche Alternativen.

Wobei schämt ihr Euch fremd? Wobei fremdschämt Ihr (Euch)? Ääääh, ich glaube fremdschämen kann man nicht konjugieren, oder?

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2 Responses to Fremdschämen im Fernsehen

  1. Scharlatan sagt:

    Ich bin begeisterter Zuschauer von Comedy Street mit Simon Gosejohann.
    Zu Weihnacht hat mir mein mittlerer Bruder, der ebenfalls Sendungen dieser Art liebt die DVD „Mein neuer Freund“ mit Christian Ulmen geschenkt. Sendungskonzept ähnlich „Mein dicker, peinlicher Verlobter“, aber selbst für mich vor Fremdschämen kaum noch anzuschauen.

    Willste mal ausleihen, Oppa Eumel?

  2. Berlas sagt:

    Nette Umschreibung: „fremdschämen“. Bei uns auch bekannt als „Kopf->Tisch-Syndrom“. Ich habs nicht mehr ausgehalten und vor 2 Jahren jegliche Fernsehprogramme abgeschafft. Wenn den schau ich mir nur noch Filme an. Auch da gib es ausrutscher, richtig, aber ich muss mir beim verblöden wenigstens nicht auch noch die Werbung antun…

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